„WER VIEL INVESTIERT, KANN VIEL ERREICHEN“ - INTERVIEW

Seit 2008 pfeifen sie gemeinsam, sieben Jahre später stehen Tanja (26) und Maike Schilha (29) im Schiedsrichterkader der IHF. Die früheren Handballerinnen (im Rückraum der SG Argental/Verbandsliga) und Jugendtrainerinnen vom Bodensee, die heute in Friedrichshafen beziehungsweise Oberteuringen leben, haben ihr großes Ziel erreicht - nur 14 Monate, nachdem sie in den Kader der EHF aufgestiegen waren. Beim IHF-Lehrgang im schwedischen Skövde erhielten sie am Sonntag ihr Diplom, nun sind sie gespannt, welche Einsätze auf sie warten.

Im Interview mit dhb.de äußern sich die beiden Schwestern über ihre Nominierung, ihre Ziele, ihre Förderung und wie man Schiedsrichtern mit Familie und Beruf unter einen Hut bringen kann.

Als sie vor über zehn Jahren Schiedsrichterinnen wurden, hätten Sie von einem Sprung in den IHF-Kader geträumt?

Maike Schilha: Nein, ganz bestimmt nicht.  Ich glaube damals wussten wir noch nicht einmal, dass es einen IHF-Kader gibt und haben uns nie Gedanken darüber gemacht, dass man auch als Schiedsrichter eine sportliche Karriere machen kann.

Tanja Schilha: Wir haben damals angefangen, weil unser Verein - wie die meisten Vereine - zu wenige Schiedsrichter hatte. Da wir aus einer Handballer-Familie kommen, war es klar, dass wir uns wo immer es geht auch im Verein engagieren. Zu dieser Zeit war uns aber das Spielen viel wichtiger und wir hätten uns niemals vorstellen können, dass sich diese Priorität mal verschieben könnte.

Wie und wann hatte Sie der Ehrgeiz gepackt? Wann sind Sie durchgestartet?

Maike Schilha: Als wir zunächst im Bezirk Bodensee-Donau und später im Handballverband Württemberg gefördert wurden, hat es angefangen, zumindest ein bisschen Spaß zu machen. Zuvor war - ehrlich gesagt - jedes Spiel eher eine Qual gewesen, denn, wenn man kein Feedback bekommt, ist es sehr schwer, an sich zu arbeiten und somit besser zu werden. Durch die Förderung haben wir gemerkt, dass wir wirklich besser wurden und somit haben die Spiele dann auf einmal auch Spaß gemacht. Mit dem Beginn im DHB-Frauenkader 2011 und der - sehr schweren - Entscheidung mit dem Handball-Spielen aufzuhören, ging es dann richtig los. Wir haben es bisher zum Glück nicht bereut.

Wie wichtig war dann der Aufstieg in den EHF-Kader für Ihre Karriere?

Tanja Schilha: Das war natürlich ein sehr wichtiger Baustein. Wir haben dadurch internationale Erfahrung sammeln dürfen und haben viel dazu gelernt. Der Sprung in den IHF-Kader ist zudem nur möglich, wenn man auch für den EHF-Kader nominiert wurde.

Wie sieht Ihre weitere IHF-Karriere aus?

Maike Schilha: Ehrlich gesagt: Keine Ahnung! Wir sind glücklich, dass wir in den Kader aufgenommen wurden, alles andere lassen wir auf uns zukommen.

Wie sah in Ihrem persönlichen Fall die Förderung durch den DHB aus?

Tanja Schilha: Wir wurden 2011 von unserem Handballverband Württemberg zum Sichtungslehrgang für Frauenschiedsrichter in Halberstadt angemeldet. Jeder Verband durfte damals ein Schiedsrichterinnengespann nominieren, außerdem waren alle Schiedsrichterinnen nominiert, die bereits in der 3. Liga Spiele leiteten. Sechs Gespanne wurden dann für den DHB-Frauenkader ausgewählt und von diesem Zeitpunkt an wurden wir vom DHB gefördert.

Maike Schilha: Das geschah zum einen durch neutrale Beobachtungen, durch unsere direkten Ansprechpartner sowie durch ein Patensystem. Wir haben anfangs sehr viel analysiert und vor allem an unserer Außenwirkung arbeiten müssen, denn zuvor hatten wir nie die Möglichkeit, Videos von unseren Spielen zu bekommen - daher gab es viel zu tun! Wir wurden dann für das Young Referee Program der EHF nominiert und sind seitdem international unterwegs.

Tanja Schilha: Die Unterstützung im DHB ist wirklich enorm - auch unter den Schiedsrichtern ist der Austausch sehr groß. Durch all das Feedback von unseren Kollegen, Beobachtern, Verantwortlichen und Paten konnten wir uns immer weiter entwickeln.

Haben Sie sich bei Ihrem Arbeitgeber vorsichtshalber für Dezember 2017 - wenn die Frauen-WM in Deutschland stattfindet - schon Urlaub eingereicht?

Maike Schilha: Unser Erfolgsrezept war es bisher, immer einen Schritt nach dem anderen zu machen. Wir befassen uns derzeit noch nicht mit der Teilnahme an einer WM. Man muss zwar Ziele haben, aber man sollte dabei immer realistisch bleiben. Aktuell ist unser Ziel in Deutschland und international gute Spiele zu leiten und vielleicht an einer Juniorinnen-WM teilzunehmen.

Wie lässt Schiedsrichterin sein mit Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Auf was müssen Sie verzichten?

Maike Schilha: Beim Wort „verzichten“ schwingt immer so eine negative Tendenz mit. Wir sprechen daher viel lieber davon, dass wir einfach unheimlich viel „investieren“ für die Pfeiferei. Aber es ist nicht immer einfach, alles unter einen Hut zu bekommen. Im August waren wir eigentlich für die U17 Europameisterschaft in Mazedonien nominiert worden, konnten aber nicht teilnehmen, da ich keinen Urlaub bekommen habe. Unser Arbeitgeber und unsere Kollegen sind zwar sehr flexibel und tun alles, damit wir unsere Einsätze möglich machen können, aber es funktioniert leider nicht immer. Insgesamt geht natürlich sehr viel Urlaub für die Schiedsrichterei drauf - durch das Gleitzeitmodell unseres Arbeitgebers ist es aber zum Glück möglich sehr flexibel zu sein.

Tanja Schilha: Wir haben sehr großes Glück mit unserer Familie und unseren Freunden. Sie unterstützen uns wo immer es geht und haben großes Verständnis, dass wir immer wieder kurzfristig absagen müssen und meistens bei Geburtstagen oder sonstigen Veranstaltungen vor allem an Wochenenden nicht dabei sein können. Das ist manchmal nicht einfach.

Maike Schilha: Mein Verlobter arbeitet in Italien und kommt nur am Wochenende nach Hause - wir sind dann meistens am Wochenende unterwegs. Das braucht sehr viel Verständnis und glücklicherweise bekommen wir das alles sehr gut hin. Unsere Familie kommt auch oft zu Spielen mit, wodurch wir ein Wochenende zusammen verbringen können.

Tanja Schilha: Das Schwierigste ist, dass man nie zuverlässig für irgendwelche privaten Dinge zusagen kann, da man immer mit einer Ansetzung rechnen muss. Man ist quasi „unplanbar“.

Wie bereiten Sie sich auf Spiele vor?

Maike Schilha: Zunächst steht natürlich die Reiseplanung an. Dabei sind Ferien und Wochentage oft kritische Faktoren, die man mit berücksichtigen muss. Auf dem Weg zum Spiel befassen wir uns meistens nicht mit dem Spiel selbst - wir haben die Erfahrung gemacht, dass es besser ist, sich nicht verrückt zu machen. Die eigentliche Spielvorbereitung beginnt rund 90 Minuten vor Spielbeginn. Dann haben wir unseren geregelten Ablauf und versuchen uns nur noch auf das Spiel zu fokussieren.

Was können weibliche Schiedsrichter besser als männliche? Und wo gibt es Nachteile?

Tanja Schilha: Ich glaube nicht, dass weibliche Schiedsrichter pauschal etwas besser können als männliche. Es kommt immer sehr auf die einzelnen Persönlichkeiten an. Wir haben natürlich den Vorteil, dass die Konkurrenz deutlich geringer ist, da es einfach nicht so viele Schiedsrichterinnen gibt. Nachteile sehen wir darin, dass die meisten Personen Frauen gegenüber zunächst sehr skeptisch sind und einem auf dem Feld jeder kleine Fehler als „Oje, die Mädchen, die können das doch nicht“ ausgelegt wird. Das wurde aber über die Jahre auf jeden Fall besser.

Maike Schilha: Man bleibt den Zuschauern natürlich eher im Gedächtnis als ein männliches Gespann - wenn man gut war kann das von Vorteil sein. Wenn man keinen guten Tag hatte, ist es jedoch schwer, dieses Bild wieder aus den Köpfen rauszubekommen, da man beim nächsten Mal sofort wieder erkannt wird.

Würden Sie sich freuen, wie Ihre Vorgängerinnen Ehrmann/Künzig - auch irgendwann einmal für Männer-Bundesligaspiele nominiert zu werden?

Tanja Schilha: Na klar, wer würde sich darüber nicht freuen! Wir sind aktuell aber schon sehr zufrieden, dass wir Spiele in der 3. Männer-Liga leiten dürfen - bis zur 1. Liga schauen wir nicht.

Peter Rauchfuß bezeichnet Sie als Vorbild für alle Schiedsrichterinnen - was können andere Gespanne von Ihnen lernen?

Maike Schilha: Zunächst einmal sollen die Schiedsrichterinnen in Deutschland natürlich sehen, was möglich ist, wenn man hart arbeitet.

Tanja Schilha: Ich glaube wir zeichnen uns vor allem durch einen sehr großen Ehrgeiz und ein hohes Maß an Selbstkritik aus. Wichtig ist, dass man auch mit Rückschlägen klarkommen muss und nicht beim ersten Problem gleich den Kopf in den Sand stecken kann. Wer viel investiert, kann viel erreichen - das sollte die Botschaft an alle Schiedsrichterinnen sein.

03.09.2015 Der DHB 

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